Demnächst

 

Ausgaben in anderen Sprachen   Englisch    Italienisch

Hörbuch in Englischer Sprache  Amazon   Audible   iTunes

 

Tödliche Affäre

EIN HISTORISCHER KRIMINALROMAN AUS DER GEORGIANISCHEN ZEIT

Übersetzt von Susanne Döring

Alec-Halsey-Kriminalromane Band 2

Herbst 1763. Der Berufsdiplomat wurde zum Marquess erhoben, was er nicht will und wovon dem die feine Gesellschaft denkt, dass er es nicht verdient. Und wegen des in den Londoner Salons noch immer lauernden Verdachts, dass er seinen Bruder ermordet habe, könnte es durchaus ein Fehler sein, nach sieben Monaten der Abgeschiedenheit nach London zurückzukehren. Als dann bei einer parteipolitischen Einladung ein unbekannter Pfarrer neben ihm tot umfällt und sein für aufrührerische Reden bekannter Onkel Plantagenet zusammengeschlagen und in einer Gasse für tot liegengelassen wird, verstärken sich Alecs böse Vorahnungen. Als Alec die wahre Identität des Pfarrers aufdeckt, vermutet er, dass der Mann vergiftet worden sei. Aber wer würde einen anscheinend harmlosen Gottesmann ermorden wollen, und warum?

Die Autorin nahm am Finale des internationalen Goethe-Wettbewerbs für hervorragende Werke bei historischen Romanen der Zeit nach 1750 teil, sie wurde mit der B.R.A.G. Plakette ausgezeichnet und stand im Finale um den Leserpreis der Australischen Liebesgeschichten.


Umschlagbild und Fotografie von Larry Rostant
Länge: 104.000 Wörter
Englischer Originaltitel: Deadly Affair

 

 
 

Spitzenbewertungen und Auszeichnungen

 

Der Leser wird mühelos in eine andere Zeit und an einen anderen Ort entführt. Die Beschreibungen sind so lebhaft, dass ich den Eindruck hatte, dort zu sein, den Anblick und die Geräusche des Londons der Georgianischen Zeit selbst zu erleben. Lucinda Brant bekommt von mir fünf Sterne und ich kann es nicht erwarten, die anderen Bücher aus der Alec-Halsey-Reihe zu lesen.
Anne BolingReaders’ Favorite ★★★★★
 

Lucinda Brant hat [mit Tödliche Affäre] einen intelligenten, interessanten Kriminalroman geschaffen, der gekonnt anscheinend getrennte Handlungsverläufe zusammenführt, um durch eine Reihe von Verwicklungen, die ich absolut nicht vorausahnen konnte, zu einem vollauf befriedigenden Ende zu kommen. Ich bin begeistert und wünsche mir mehr davon.
Caz Owens All About Romance, nannte es ein Buch für eine einsame Insel

 

 

Erkunden Sie die Bilder zu Tödliche Affäre auf Pinterest

 

 

 

Vorschau

LONDRA, HERBST 1763

Alec Halsey hatte Sir Charles Weirs Einladung zum Diner angenommen in der Annahme, der einzige Gast zu sein. Jetzt, als er von einem Dutzend unbekannter Gesichter umringt im Salon des Politikers stand, fand er sich inmitten eines parteipolitischen Diners wieder. Die anderen Gäste waren alle in irgendeiner Art und Weise mit der Regierung verbunden und zusammengekommen, um den fünften Jahrestag von Sir Charles Wahl zum Parlament zu feiern, es waren keine Berufsdiplomaten aus dem Außenministerium wie Alec. Der Ehrengast, der Herzog von Cleveley, der bereits zweimal Lord Schatzkanzler gewesen und der derzeitige Außenminister war, musste erst noch zu ihnen herabsteigen, und Alec vermutete, dass dies der Grund war, warum die Türen zum Speisesaal noch geschlossen blieben.

Mit dem Weinglas in der Hand bewegte Alec sich zu dem Schiebefenster hinüber, das auf die Arlington Street hinausschaute und wandte dem überfüllten und lauten Zimmer den Rücken zu. Er mochte solche Zusammenkünfte nicht. Zu vertraulich. In einer gesichtslosen Menge konnte man unerkannt bleiben und doch die Unterhaltungen des Abends genießen. Hier kannte jeder die Geschichte seiner Familie, hatte jede skandalöse Einzelheit über die makabren Umstände des Mordes an seinem ihm entfremdeten Bruder in den Londoner Zeitungen verschlungen. Trotz des offenen Urteils des Gerichtsmediziners war es Alec, dem die Gesellschaft die Schuld am Tode seines Bruders gab und damit den neu zu diesem Titel gekommenen Marquess Halsey zu lebenslänglicher Verdächtigung verurteilte.

Warum war er in die Stadt zurückgekehrt? Er hätte in Kent bleiben sollen, wo er die sieben Monate seit dem Tode seines Bruders damit verbracht hatte, den Landsitz der Familie wieder in Ordnung zu bringen. Er sollte seine Pächter besuchen und sich um ihre Bedürfnisse kümmern, keine Zeit damit verschwenden, sich mit überfütterten, rechthaberischen Politikern und ihren schmarotzenden Anhängern zu befassen, die ihm alle nicht ins Gesicht sehen konnten. Es gab durch sein unerwünschtes Erbe so viel für ihn zu tun und zu lernen, dass er kaum wusste, wo er beginnen sollte.

Er nippte an seinem Wein und schaute nach unten auf einen Tragsessel, der auf den Stufen von Horace Walpoles Stadthaus zum Stehen kam und sinnierte über das Schicksal. Er hatte den größten Teil seines Erwachsenenlebens am Rande der feinen Gesellschaft verbracht, als Diplomat auf dem Kontinent, der in fremden Sprachen redete. Der vorzeitige Tod seines ihm entfremdeten Bruders veränderte sein wohlgeordnetes Leben für immer. Wollte er einen Landsitz verwalten und seinen Platz im Oberhaus einnehmen? Er wusste so wenig über beides, dass eine Stationierung nach St. Petersburg im Winter ihm verführerischer schien. Was sollte er mit der Stellung eines Marquess, die er überhaupt nicht wollte und von der seine Standesgenossen fanden, dass sie ihm nicht zustand? Doch war er gezwungen gewesen, den neu geschaffenen Titel mit guter Miene anzunehmen. Als ob die Erhöhung seiner Familie vom Titel eines Earls von Delvin zum Marquess von Halsey wie durch ein Wunder seine Verbindung zu einem ermordeten Bruder, der ihn mit einer an Manie grenzenden Leidenschaft gehasst hatte, aus dem kollektiven Gedächtnis der feinen Gesellschaft hätte tilgen können. Alecs Auffassung nach komplizierte es sein Leben beträchtlich, plötzlich zum Marquess gemacht zu werden und verstärkte nur den Verdacht.

Vielleicht sollte er eine zweite Stationierung in Konstantinopel erbitten?

Er wurde aus diesen Überlegungen gerissen, als sein Name hinter seiner linken Schulter in einer in lautem Flüsterton geführten Unterhaltung erwähnt wurde. Den Rest mitzuhören ließ sich nicht vermeiden.

„Ich weiß nicht, warum Weir ihn eingeladen hat“, jammerte eine schwache, männliche Stimme. „Er ist keiner von uns. Und wenn man bedenkt, was er dem armen Ned angetan hat - tja!“

„Sir Charles hat für alles seine Gründe“, sinnierte seine weibliche Begleitung. „Ich frage mich ...“

„Offensichtlich betrachtet Charlie die Angelegenheit nicht so wie wir, Mylady.“

„Er ist auf seine kantige Art recht gutaussehend. Große, knochige Nase und große ...“

Was? Kein Puder und nur ein Fetzen von Spitze machen ihn gutaussehend?“

„... blaue Augen“, endete Lady Cobham mit einem schrägen Lächeln und begutachtete Alec von seinen muskulösen Unterschenkeln bis zu den schwarzen Locken.

„Du bist blind! Man könnte ihn gut für einen amerikanischen Wilden halten.“

„Ja. Dieses alte Gerücht über ...“

„Gerücht?“

„... darüber, dass sein echter Papa ein schwarzer Lakai war, der sich Lady Delvins Gunst erfreute, ist hängengeblieben, nicht wahr?“

„Es ist hängengeblieben, Caro, weil der dunkle Teufel ein - ein Halbblut ist. Man muss ihn nur anschauen, um das zu wissen!“

Die Frau seufzte tief. „Ja, schau ihn nur an. Es heißt, er sei so männlich wie ein Wilder ...“

Ein verächtliches Schnauben ertönte. „Du bist reif für Bedlam, Caro! Bei Gott! Der Mann ist ungeschliffen, unzivilisiert und respektlos. Es wird dem Herzog nicht gefallen, dass er heute Abend hier ist, überhaupt nicht!“

„Ich würde sagen, George, deinem Vater wird es nicht gefallen, aber wenn ich die noch andauernde Trauer des Herzogs wegen der Herzogin bedenke, bezweifle ich, dass es für Cleveley eine Rolle spielt, wen Sir Charles eingeladen hat. Können Wilde blaue Augen haben?“

„Sei vernünftig, Caro.“ Lord George Stanton drückte sein Doppelkinn in die Halsbinde und sagte ernst: „Vater denkt daran, die Führung abzugeben.“

Die Dame schnappte nach Luft. „Das kann nicht dein Ernst sein? Er muss einen Scherz gemacht haben!“

„Der Herzog, meine liebe Lady Cobham, scherzt nicht. Und ich auch nicht. Und ich glaube nicht, dass Vaters Kummer ihn für die Welt blind gemacht hat. Er wird sicher ein Wort mit Weir zu reden haben, wegen des Mangels an moralischem Anstand, weil er einen Mann einlädt, von dem jeder weiß, auch wenn es nicht zu beweisen ist, dass er seinen eigenen Bru...“

„Oh, schau! Endlich ist er hier!“, platzte Lady Cobham heraus. Sie kicherte nervös hinter ihrem wedelnden Fächer, als Alec sie direkt ansah. Aber als Lord George zum Eingang schaute, senkte sie den Fächer aus geschnitztem Elfenbein, um ihre nach oben gepressten Brüste zu betonen, bevor sie sich umwandte, um das lebensgroße Porträt, das zwischen den beiden Fenstern hing, zu bewundern. „Ich frage mich, ob das ein Reynolds ist ...?“, sinnierte sie, ohne jemanden im Besonderen anzusprechen, aber mit einem verstohlenen Seitenblick voll offener Einladung zu Alec.

Unruhe am Eingang ließ jedermann in diese Richtung sehen. Der Herzog von Cleveley war angekommen. Es sagte viel über den beträchtlichen politischen und gesellschaftlichen Einfluss des Mannes aus, dass sein bloßes Auftreten den Raum in Stille hüllte. Bald war er von den Getreuen der Partei umgeben, die alle bemerkt werden wollten, und Alec hatte die Befriedigung zu sehen, wie der große Mann seinen Stiefsohn, Lord George Stanton, zugunsten eines Geistlichen in verschlissenen Kragen und Manschetten übersah. Zumindest war der Herzog nicht bereit, einem arroganten Wesen den Vorrang vor dem Verstand zu geben, dachte er mit einem ironischen Lächeln.

Die Mahlzeit selbst wurde nicht zu der Tortur, die Alec befürchtet hatte. Zwischen den zwölf Gängen gab es viele politische Diskussionen und viele Reden aus dem Stehgreif, die Sir Charles fünf Jahre als Parlamentsmitglied für den überrepräsentierten Wahlbezirk von Bratton Dene lobten. Und da Alec zwischen dem schäbigen Geistlichen, der ihn zugunsten seiner Unterhaltung mit dem Herrn zu seiner Rechten ignorierte, und Sir Charles, der am Kopf der Tafel saß, seinen Platz hatte, begann er sich wohler zu fühlen. Während die beiden Diener mit den verschiedenen angebotenen Gerichten hin und her gingen, nahm er sich die Zeit, ringsum die anderen Gäste zu betrachten.

Der Herzog von Cleveley saß direkt gegenüber und schaute höchst gelangweilt drein. Seine Gnaden sagte während der Diskussionen wenig, aß sparsam von den vielen Dingen, die ihm vorgelegt wurden, und trank stetig weiter, obwohl diese Tatsache seinen politischen Scharfsinn in keiner Weise beeinträchtigte. Alec beobachtete, dass der Herzog, wann immer er von einer Unterhaltung ermüdet war, mit seiner Schnupftabaksdose herumfummelte und dass seine Genossen das als Anzeichen werteten, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit nachlassen könnten; aber kaum, dass sie das taten, gab der große Mann eine beißende Kritik von sich, die dafür sorgte, dass die Speisenden sich in einer Reihe von Gegenargumenten verloren. Alec würde nie der Politik des Herzogs zustimmen, aber das hielt ihn nicht davon ab, den großen Politiker bei der Arbeit zu bewundern. Jetzt verstand er, warum sein Onkel Plantagenet den Herzog als so würdigen und aufreizenden Gegner empfand und das ließ ihn lächeln, weil er darüber nachdachte, was der alte Gentleman am nächsten Morgen beim Frühstück zu sagen haben würde, wenn er im Einzelnen erfuhr, wer bei Sir Charles Weirs Abendeinladung zu Gast gewesen war.

Sir Charles beugte sich zu Alec.

„Es ist für dich absolut langweilig, fürchte ich. Keine Bange, wenn die Damen in den Salon gehen, können wir Männer einen guten Portwein trinken und uns ausruhen.“ Er klopfte auf Alecs aufgeschlagene Samtmanschette. „Ich freue mich, dass du in die Stadt gekommen bist.“

„Ich hätte mich daran erinnern sollen. In der Schule hattest du schon die Fähigkeit zu bekommen, was du wolltest, ob durch faire oder unfaire Mittel.“

Sir Charles hob sein Glas. „Das ist es, was mich zu einem so erfolgreichen Politiker macht, Mylord Halsey.“

Alec zuckte zusammen. Sieben Monate waren nicht Zeit genug, um sich daran zu gewöhnen, mit „Mylord“ angeredet zu werden. Er ärgerte sich über sich selbst, dass eine solche Kleinigkeit ihn aus der Fassung brachte und goss den Rest seines Weins in einem Zug hinunter. Als er aufschaute, traf er den durchdringenden Blick des Herzogs. Er erwiderte ihn und die Röte in seinem Gesicht verriet alles, denn der Herzog stellte sein Glas weg, hob seine Schnupftabaksdose und bot sie quer über den Tisch an.

Alec schüttelte den Kopf. „Danke, Euer Gnaden, aber ich schnupfe nicht.“

Der Herzog neigte sein gepudertes Haupt und stellte die kleine, goldene Dose wieder auf den Tisch zurück. „Eine der vielen exzentrischen Eigenschaften Eures Onkels ist der Hass auf Tabak. Ich habe sein Pamphlet zu diesem Thema mit großem Interesse gelesen. Ihr wurdet von ihm erzogen, nicht wahr?“

„Ja, Euer Gnaden. Von ihm dazu erzogen, mir meine eigene Meinung zu bilden“, antwortete Alec, überrascht, dass der Herzog sich die Mühe gemacht hatte, etwas zu lesen, das sein Onkel geschrieben hatte. „Ich finde nur einfach keinen Gefallen am Schnupfen.“

„Aha“, sagte der Herzog und beendete das Thema mit einer ausgiebigen Prise, als wäre er plötzlich davon gelangweilt. Alec fand diese Manieriertheit ärgerlich.  „Sagt mir Eure Meinung über die Ostfriesland-Frage.“

„Gibt es denn eine Frage, Euer Gnaden?“, fragte Alec. Er wusste, dass die anderen Speisenden ihre Unterhaltungen unterbrochen hatten und intensiv lauschten. „Ich nahm an, dass diese kleine Ecke des nördlichen Europas jetzt zur Ruhe gekommen wäre. England hat die französische Besatzung des Fürstentums beendet und die Invasion von Hannover konnte abgewendet werden, was das vorrangige Ziel Eurer Regierung war. Also ein erfolgreicher Feldzug für Euch, Euer Gnaden ...“

Der Herzog tippte auf den Deckel seiner Schnupftabaksdose und klappte den filigranen Deckel mit einem Finger auf. Sein Blick hing weiter an Alec und schätzte seine Bemerkung ab, um zu entscheiden, ob sie einen feindseligen Unterton hätte. Schließlich war die Entscheidung seiner Regierung, die Franzosen zu vertreiben und Ostfriesland zu besetzen von beiden Seiten des Parlaments mit Feindseligkeit aufgenommen worden. Alec Halseys Onkel Plantagenet war der wortreichste ihrer Kritiker. Aber Ostfriesland hatte eine gemeinsame Grenze mit Hannover, dem Stammland des englischen Herrschers, und daher war es unabdinglich, die Franzosen dort herauszuhalten. Der strategische Zug erwies sich als erfolgreich und half England, den Siebenjährigen Krieg zu gewinnen.

„Mit dieser Bemerkung will ich es gut sein lassen, Halsey.“

„So war es gedacht, Euer Gnaden“, antwortete Alec höflich.

Es folgte eine lange Stille, nur unterbrochen durch das Geräusch, wie der Herzog Schnupftabak nahm. Es blieb Sir Charles überlassen, die Stimmung zu deuten und er schob seinen Stuhl zurück und nickte seinem Butler zu, einem Zeichen für die Damen, sich in den Salon zu verabschieden. Die anderen Gentlemen standen auf, noch immer schweigend, und warteten auf einen Hinweis des Herzogs, der die sich um ihn bestehende Spannung nicht zu spüren schien.

Nachdem die Tür sich fest hinter dem Rücken der Damen geschlossen hatte, bahnte sich Lord George Stanton einen Weg zu der Anrichte am anderen Ende des langen Raums, wo Sir Charles seine Schnupftabaksdose und die der Gäste, die der Füllung bedurften, aus einer Reihe verzierter Töpfe, die auf dem obersten Brett eines reich geschmückten Mahagoniregals aufbewahrt wurden, auffüllte. Die anderen Gentlemen hatten den untersten Westenknopf geöffnet und machten es sich bequem für den guten Tropfen Portwein, den der Butler in großen Kristallkaraffen auf den Tisch gestellt hatte.

Alec streckte seine langen Beine vor den Fenstern auf der der Anrichte gegenüberliegenden Seite, um den interessierten Blicken einiger Herren zu entgehen, die abgelenkt wurden, als der schäbige Geistliche sich selbst einlud, den Platz neben dem Herzog einzunehmen. Das vertrauliche Benehmen des Kirchenmannes ärgerte die Männer, die auf diese Gelegenheit gewartet hatten, um sich selbst dem großen Mann besser bekannt zu machen. Alec bemerkte, dass es auch den Stiefsohn des Herzogs verärgerte, der seine Verachtung für den alten Geistlichen nicht verbergen konnten. Und zwei Flaschen Rotwein hatten seine Zunge gelockert.

„Hör zu, Charlie“, zischte Lord George laut und hickste. „Ich dachte, du würdest wegen ihm etwas unternehmen.“

„Was schlägst du vor, was ich gegen einen Geistlichen unternehmen soll, Mylord?“, antwortete Sir Charles mit deutlicher Ironie.

„Was macht er denn hier?“, kam die arrogante Frage.

„Es war nicht meine Idee, ihn einzuladen. Ich dachte, das wäre offenkundig, selbst für dich“, antwortete Sir Charles schneidend und drückte den Korken wieder auf den Schnupftabakstopf aus Porzellan. Er stellte diesen und dessen zweiten wieder ins Regal. „Und bitte, senke deine Stimme.“

„Ich bin nicht betrunken, musst du wissen“, sagte Lord George und nahm eine Prise Schnupftabak aus der ihm angebotenen Dose. „Danke. Der alte Fuchs ist gekommen, um zu bleiben. Ist das zu glauben? Vater soll diesem Stück Dreck erlauben, am St. James's Square zu wohnen? Er hat sein eigenes Zimmer, um Himmels willen!“

„Vielleicht in seiner Trauer ...“

„Oh, komm schon, Charlie!“, spottete Lord George und hickste wieder. „Ich vermisse Mama ebenso, aber es bringt mich doch nicht um den Verstand. Es ist zwölf Monate her und ich denke, das ist lange genug getrauert. Schließlich war Mama auch keine gesunde Frau. Sie war den größten Teil des Jahres vor ihrem Tod schon an ihr Zimmer gefesselt. Also erzähle mir keinen Unsinn über tiefe Trauer!“

„Mylord, ich ...“

Lord George stützte seinen langen Arm auf die Anrichte, sein rundes Gesicht dicht an Sir Charles'. „Weißt du, was ich denke, Charlie.“

„Nein, ich denke nicht ...“

„Er hat etwas gegen ihn in der Hand.“

„Was?“

„Erpressung.“

„Das ist absurd“, antwortete Sir Charles mit einem hohlen Lachen. „Was könnte dieser alte Pfarrer denn gegen ...“

„Du glaubst, weil du zehn Jahre lang Sekretär des großen Mannes warst, dass du alles weißt, was es über ihn zu wissen gibt? Dann sage mir, warum Vater dieser alten Krähe auch nur guten Tag sagt. Gestern erst haben sie sich drei Stunden lang in der Bibliothek eingeschlossen. Drei Stunden, Charlie.“

Sir Charles packte Lord George am Ellenbogen und zog ihn so herum, dass er mit dem Rücken zum Zimmer stand. „Hast du daran gedacht, dass Seine Gnaden vielleicht nur den letzten Wunsch deiner Mutter erfüllt?“

Lord George rülpste. „Hä?“

Sir Charles lächelte dünn. „Wenn du dich daran erinnern willst, Mylord, es war die Herzogin, die Mr. Blackwell zu sehen verlangte. Kurz bevor sie auf ihr Totenbett fiel, ließ sie den Geistlichen an ihr Bett rufen. Er war es, der ihr die letzte Ölung gab.“

Was? Dieser schäbige Niemand wachte über Mamas Totenbett?“ Das war Lord George neu und er wandte sich um, um zur anderen Seite des Raumes auf den Geistlichen zu sehen, der sich mit den Adligen um ihn herum sehr vertraut gab und sich dem Gelächter über ihre Bonmots anschloss. „Warum tat sie das, frage ich mich?“

Sir Charles seufzte. „Das werden wir jetzt nie erfahren, und ich rate dir, den Herzog damit nicht zu belästigen.“ Er steckte seine Schnupftabaksdose in die Tasche, schloss die Tür der Anrichte und drehte den kleinen, silbernen Schlüssel im Schloss herum. „Wenn Seine Gnaden es für angebracht hält, sich mit einem schäbigen Niemand abzugeben, ist es nicht an uns, das in Frage zu stellen.“

Lord George Stanton gab ein Schnauben von sich und klatschte Weir auf den Rücken. „Immer der treue Sekretär, Charlie!“

Er schlenderte davon, um sich den anderen anzuschließen. Sir Charles zog eine missbilligende Grimasse und ging mit einem resignierten Lächeln zu Alec hinüber. „Mach dir nichts aus Sir George“, sagte er entschuldigend. „Er ist jung und leider verträgt er seinen Schnaps nicht so gut wie wir anderen. Das lässt ihn Dinge sagen, die er nicht so meint. Blackwell ist nicht so übel.“

Alecs unverbindliche Antwort und die Tatsache, dass er sofort hinüberging, um sich dem Geistlichen vorzustellen, erstaunten Sir Charles. Wenn er nicht angesprochen worden wäre, um eine Streitigkeit in eine Rechtsfrage zu klären, wäre er ihm gefolgt, um zu hören, was sein alter Schulfreund einem schäbigen Niemand zu sagen hatte.

„Mr. Blackwell“, sagte Alec. „Ich muss Euch um Verzeihung bitten.“

Reverend Blackwell lächelte und bot Alec den leeren Stuhl neben sich an. „Ist das so, Mylord?“

„Ja. Ich komme mir recht albern vor, weil ich Euch beim Essen nicht erkannte, aber wir sind uns schon früher begegnet, als sich der Vorstand des Belsay-Waisenhauses auf Einladung meines Onkels in meinem Haus traf.“

„Ja, das stimmt. Verzeiht, wenn ich lächele, aber ich weiß, wer Ihr seid und ich bin mir unseres früheren Zusammentreffens wohl bewusst. Ich dachte, es wäre am besten, Euch die Gelegenheit zu kennen, sich meiner zu erinnern oder nicht, wie es Euch gefällt.“

Alec war überrascht. „Wie könntet Ihr denken, dass ich Euch nicht kennen wollen möchte? Ich gebe zu, dass ich gesellschaftliche Anlässe meide, seit ... ich komme nicht oft in die Stadt und ziehe es vor, meine Zeit in Kent zu verbringen, doch ich habe dieses Mittagsmahl damals sehr genossen - um so mehr, da die Gespräche sich um das Belsay-Waisenhaus drehten.“

„Meine anderen Vorstandsmitglieder und ich sind geehrt, dass wir benannt wurden, aber es ist Euer Onkel, der die Sache am Laufen hält, Mylord.“ Dem Geistlichen fiel Alecs Stirnrunzeln auf und er breitete seine fetten Hände in einer Geste des Mitgefühls aus. „Die letzten sieben Monate dürften nicht einfach für Euch gewesen sein. Es tut mir sehr leid. Ein geringerer Mann hätte es nicht durchgehalten. Doch habe ich jedes Vertrauen darin, dass Ihr das Beste aus Umständen machen werdet, die Ihr nicht zu verantworten habt.“

Alec schaute von dem schweren, goldenen Siegelring auf, der am kleinen Finger seiner linken Hand saß; an den Seiten seines Mundes hatten sich harte Falten gebildet. „Danke für Eure Unterstützung, Blackwell.“

Der Pfarrer nickte und beugte sich über den Tisch, um nach der nächstliegenden Schnupftabaksdose zu greifen. Sie war aus Gold und sah genau so aus wie die Dose, die der Herzog bei sich trug. „Hübsch, nicht wahr?“, sagte er, um das Thema zu wechseln. „Ein Geschenk. Ich habe Schnupftabak nie wirklich genossen, bis ich eine gute Mischung geschenkt bekam.“ Er sog eine großzügige halbe Prise in ein Nasenloch auf. „Habe immer Pfeife geraucht. Aber dies ist in Gesellschaft angenehmer.“ Dann schnupfte er den Rest in das andere Nasenloch auf und wischte sich die Finger an seinem Rockärmel ab.

Alec wartete höflich, obwohl er den Geistlichen so vieles fragen wollte. Nicht zu allerletzt, wie er dazu kam, seinen Schnupftabak aus einer goldenen Dose in einem eleganten Salon voll hochrangiger Politiker zu genießen, wo er doch weniger als ein Jahr zuvor die elenden Armen in der Gemeinde von St. Jude betreut hatte.  Er musterte den Herzog, der von den Getreuen seiner Partei umringt war und wunderte sich über die mögliche Beziehung zwischen einem Edelmannes höchsten Ranges und einem armen, schlecht gekleideten Kirchenmann ohne familiäre Beziehungen. Der Herzog war nicht wohltätig zu nennen. Seine Verachtung für alle gesellschaftlich unter ihm Stehenden war wohlbekannt. Er war der Inbegriff dessen, was Alec an seinem eigenen Stand am meisten verabscheute. Blackwell war ein ehrlicher Mann mit sanften Manieren, ohne Einbildung oder Ehrgeiz; ein Mensch, der für einen so eingefleischten Politiker wie den Herzog kaum einen Wert besaß. Seltsame Bettgenossen, in der Tat.

„Mylord, seid so freundlich, mein Glas nachzufüllen“, sagte der Geistliche in einem dünnen, heiseren Flüsterton und zerrte an seinem zerschlissenen Halstuch, als ränge er nach Luft.

Alec tat, worum er gebeten wurde, aber ein Blick auf Blackwell machte ihm klar, dass dem Mann übel geworden war. Sein Gesicht hatte die Farbe gewechselt und er sah plötzlich unangenehm erhitzt aus. Auf seiner Stirn begannen sich Schweißperlen zu bilden. Alec fühlte nach dem Puls des Mannes und war von dem raschen, schwankenden Schlag im Handgelenk erschrocken. Er lockerte die Krawatte des Geistlichen und lehnte ihn dabei in seinem Stuhl zurück. Das schien dem alten Mann nur noch mehr zu schaden. Blackwell ließ seinen Kopf nach hinten fallen, während er durch den schlaff geöffneten Mund Luft einsog. Alec hatte dem Mann das Halstuch abgenommen und die Weste aufgeknöpft, aber Blackwell rang trotzdem noch nach Luft, sein Keuchen war so laut, dass die anderen Gäste auf seinen Zustand aufmerksam wurden und die Gespräche und das Lachen verstummten.

Sir Charles eilte an Alecs Seite und rief seinem Butler zu, einen Krug Wasser zu bringen. Er wandte sich ratsuchend an seinen alten Schulfreund, da er nicht wusste, was er mit dem keuchenden Körper tun sollte, der sich jetzt auf dem Stuhl in Krämpfen wand. „Was sollen wir tun?“

„Holt einen Arzt!“, befahl Alec, dessen Arm sich anfühlte, als würde er unter der Last des Geistlichen brechen.

Gerade, als er dies sagte, klappte Blackwell vornüber zusammen und erbrach sich. Ein großer, stinkender Haufen unverdauter Nahrung spritzte auf Alecs bestrumpfte Füße und fiel in Brocken auf den Teppich. Das reichte, um die Zuschauer zurücktaumeln zu lassen. Ein Gentleman würgte, hielt seinen Kopf über den Nachttopf unter dem Tisch und folgte dem Beispiel des Geistlichen. Alec bezwang seine eigene Übelkeit und manövrierte den Geistlichen auf seine Knie, wonach dieser sich noch einmal erbrach. Die lauten, gutturalen Würgetöne waren selbst für den härtesten Magen der letzte Strohhalm und der Kreis der Gentlemen, der ihn umgab, öffnete und zerstreute sich. Lord George Stanton beging den Fehler, über Sir Charles' Schulter zu spähen. Der Gestank traf ihn noch vor dem Anblick und er wankte zurück und hätte fast das Gleichgewicht verloren, wenn der Herzog seinen Stiefsohn nicht am Ellenbogen gepackt und auf den nächsten Stuhl gedrückt hätte.

Alec hatte keine Ahnung, wie er das Leiden des Mannes lindern könnte. Bis ein Arzt gefunden werden konnte, gab es nicht viel, das jemand tun konnte, als hilflos und unbehaglich herumzuschleichen. Sir Charles versuchte, einen Becher Wasser an die ausgetrockneten Lippen des Pfarrers zu halten, aber das half nichts. Blackwell, dessen zuvor bleiche Gesichtsfarbe jetzt hellrot war, schnappte weiter nach Luft, sich seiner Umgebung nicht bewusst und nicht in der Lage, um Hilfe zu bitten.

Dann hörten die Krämpfe plötzlich ebenso abrupt auf, wie sie begonnen hatten. Rings um den Raum erhob sich erleichtertes Aufatmen. Blackwell war völlig still, sein kahler Kopf, jetzt ohne seine braune, kurzhaarige Perücke, war wie zum Gebet nach vorn geneigt. Er nahm einen letzten tiefen, zittrigen Atemzug und brach prompt, mit dem Gesicht in die Schweinerei, die er verursacht hatte, zusammen.

Er war tot.

 

„Was für ein scheussliches Ende dieses Abends“, beklagte Lord George Stanton und füllte erneut sein Portweinglas.